ENTLANG DER TEE-PFERDE-STRAßE

Von der Seidenstraße im Süden angelockt, reist Nick Boulos entlang der uralten Handelsroute, die sich auf den Südwesten Chinas, Tibet, Bhutan und Burma erstreckt, und begibt sich auf die Suche nach den besten Tees … 

Die blassgrünen Teeblätter purzeln langsam aus dem Ausguss der rissigen Teekanne. Methodisch arbeitend gießt Xiaoyun Huang Tasse für Tasse ein, rührt vorsichtig und beseitigt überschüssige Teeblätter. Der Geschmack verändert sich mit jedem Teeausschank“, sagt sie. „Pu-Erh-Tee ist wie Rotwein. Je älter, desto besser.“ Hoch oben auf den überall vorhandenen Regalen dieses kleinen Teehauses im Herzen Lijiangs stehen Hunderte Teevariationen – manche sind über 20 Jahre alt und kosten pro Box 1.600 US-Dollar und mehr. Tee ist in diesem Teil Südwestchinas seit Jahrhunderten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 

Der Überlieferung nach soll alles während der Tang-Dynastie seinen Anfang genommen haben, als die Prinzessin Wénchéng einen tibetanischen König heiratete und ihr Eheleben von Beginn an durch den Genuss von Tee bereicherte. Wegen der immer größeren Beliebtheit florierte der Handel auf der 2.000 km langen Strecke zwischen der Tee produzierenden Provinz Yunnan und Tibet – einer Route, die schnell als die Tee-Pferde-Straße bekannt wurde. Ohne Tee wäre das charmante Lijang wohl nie gegründet worden. 

Umgeben von den Bächen und Weidenbäumen der Altstadt liegt der Hauptplatz. Rote Papierlaternen hängen von den Dachsparren der Tempel. In früheren Zeiten war dieser Ort zugleich lebendiger Markt- und Rastplatz für die Reisenden auf der Tee-Pferde-Straße. Pferde grasten auf den zwischen den gepflasterten Wegen verstreut liegenden Grünflächen. Aber diese Region der Volksrepublik hat sehr viel mehr zu bieten als nur Tee. Die umliegenden Berge und Täler stehen für atemberaubende Naturschönheiten mit geheimnisvollen Bräuchen und uralten Legenden. 

Hinter der beeindruckenden Tigersprung-Schlucht, durch die der trübe und schäumende Jinsha-Fluss schneidet und die nach einer Großkatze benannt ist, die Jägern angeblich durch einen Sprung über den Abgrund entkommen konnte, liegt die Stadt Baisha. Aber aufpassen, sonst verpasst man sie in einem einzigen Augenblick! Baisha ist die Heimat der Naxi, einem der wenigen Völker, die nach wie vor ein piktografisches Alphabet nutzen, und erlaubt einen kurzen Einblick in eine Kultur, die um ihr Überleben kämpft.

In 100 Jahren wird niemand mehr unsere Sprache sprechen, bemerkt der Gastwirt Lee Bowie traurig. Wie bei den Naxis üblich, arbeiten die Frauen schwer, während die Männer ihre Kalligraphiekünste verbessern oder Karten spielen. Die Männer übernehmen die wichtigen Arbeiten. Wir planen die Gebäude, gebaut werden sie allerdings von den Frauen“, scherzt Lee und schaut dabei über seine Schulter, um sicherzustellen, dass ihn seine Ehefrau auch ja nicht gehört hat. Am Ende der Straße sitzt im Schatten eines üppigen Kirschbaums eine Gruppe alter Naxi-Frauen, die sich zwischen der Feldarbeit eine Pause gönnen. Sie erzählen und lachen, erfreuen sich dabei an einem intensiven Spiel, das dem Domino gar nicht so unähnlich ist, und trinken aus kleinen Tassen den besten grünen Tee des ganzen Landes. Etwas anderes wäre ja auch kaum zu erwarten ...


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